„Es geht um unsere Freiheit von der digitalen Dauerberieselung“

Warum sie dem Fastentrend "Digital Detox" auch medizinisch einiges abgewinnen kann, erklärt Hausärztin Dr. Petra Reis-Berkowicz.

Gerade bei Jugendlichen sind Handy und Social Media allgegenwärtig. Aus hausärztlicher Sicht tun eine Auszeit oder Begrenzungen Körper und Geist gut. (Foto: adobe/liz.BHÄV)

Jeder zweite Deutsche hat bereits mindestens einmal im Leben zwischen Aschermittwoch und Ostern gefastet. Neben dem traditionellen Verzicht auf Alkohol, Süßigkeiten oder Fleisch wird das Social-Media-Fasten und die bewusste Reduzierung der Handy-Nutzung immer beliebter – aus gutem Grund, wie Dr. Petra Reis-Berkowicz, erste stellvertretende Landesvorsitzende des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes und niedergelassene Fachärztin für Allgemeinmedizin erklärt.

Frau Dr. Reis-Berkowicz, warum soll man die Fastenzeit nutzen, um seltener zum Handy zu greifen?

Dr. Petra Reis-Berkowicz: Digitaler Verzicht ist längst kein Luxus mehr, sondern für viele Menschen ein bewusster Gesundheitsimpuls. Ein sogenannter Digital Detox oder das Social-Media-Fasten wird als Fastenvariante immer beliebter. Viele Menschen nutzen die 40 Tage zwischen Aschermittwoch und Ostern, um ihre Mediengewohnheiten zu reflektieren und zu verändern. Laut aktuellen Umfragen plant rund ein Viertel der Deutschen eine digitale Auszeit im Jahr 2026 – wenn auch meist nur für ein paar Tage.

Ist das nur eine Modeerscheinung oder aus ärztlicher Sicht durchaus sinnvoll?

Dr. Reis-Berkowicz: Eine exzessive Handy- und Social-Media-Nutzung hat messbare negative körperliche und psychische Effekte. Kurzfristig liefert das Scrollen Dopamin-Reize und ein Gefühl von Belohnung – aber langfristig leiden viele unter schlechterem Schlaf, verminderter Konzentration und erhöhter Reizbarkeit. Besonders bei Kindern und Jugendlichen sehen wir, dass sich Bildschirm- und App-Zeit negativ auf Entwicklung, emotionale Regulation und Aufmerksamkeit auswirken können. Außerdem erhöht die exzessive Nutzung das Risiko für Übergewicht.

Warum ist insbesondere für Kinder und Jugendliche eine exzessive Handy-Nutzung schädlich?

Dr. Reis-Berkowicz: Das Smartphone ist für viele Heranwachsende omnipräsent – zu Hause, in der Schule, in Pausen. Das bedeutet ständige Ablenkung. Studien zeigen, dass riskante Nutzungsmuster bei Jugendlichen nicht selten vorkommen; etwa ein erheblicher Anteil entwickelt problematische oder sogar süchtige Verhaltensweisen. Diese übermäßige Nutzung kann sich in Form von schlechterem Schlaf, erhöhter Ängstlichkeit, Leistungsabfall oder sogar in psychosomatischen Beschwerden zeigen.

Warum ist insbesondere am späten Abend die Handy- beziehungsweise Social-Media-Nutzung problematisch?

Dr. Reis-Berkowicz: Es ist mittlerweile wissenschaftlich belegt, dass die Nutzung von Smartphones und sozialen Medien vor dem Schlafengehen die Schlafqualität massiv beeinträchtigen kann. Das von den Bildschirmen ausgestrahlte blaue Licht hemmt die Produktion des Schlafhormons Melatonin und verschiebt die innere Uhr. Zugleich aktivieren Likes, Nachrichten und ständige Benachrichtigungen das Belohnungssystem und erhöhen Stresshormone, was Einschlafprobleme verschärft. Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet: Ihr Gehirn reagiert empfindlicher auf Reize, und die noch nicht vollständig entwickelte Impulskontrolle erschwert das Abschalten. Die Konsequenzen reichen von verkürztem Schlaf und Konzentrationsschwierigkeiten bis hin zu Reizbarkeit und erhöhter Anfälligkeit für psychische Probleme. Erwachsene sind ebenfalls betroffen, wenn sie direkt vor dem Zubettgehen digital aktiv bleiben. Wir Hausärztinnen und Hausärzte raten daher zu mindestens 60 Minuten bildschirmfreier Zeit vor dem Schlafengehen, um die natürliche Erholung nicht zu gefährden. Schalten Sie das Handy aus. Oder noch besser: Verbannen Sie es aus dem Schlafzimmer. Ein guter Schlaf ist einer der wesentlichen Faktoren, um gesund zu bleiben. Langfristig erhöhen Schlafstörungen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, metabolische Störungen, Depressionen und Burnout.

Viele Eltern fühlen sich machtlos angesichts der Allgegenwart von Smartphones. Was raten Sie?

Dr. Reis-Berkowicz: Bewusstsein ist der erste Schritt. Setzen Sie klare Zeiten und Orte fest, an denen digitale Geräte ruhen – das kann der Abend bei Tisch sein oder eine feste Handy-freie Stunde vor dem Schlafengehen. Für Kinder kann es hilfreich sein, gemeinsam alternative Aktivitäten zu planen: Sport, Spielen, Lesen oder Gespräche. Es geht nicht darum, Technologie zu verteufeln, sondern eine gesunde Balance zu finden.

Beobachten Sie Änderungen bei Ihren Patientinnen und Patienten nach einem Digital-Detox?

Dr. Reis-Berkowicz:  Ja. Wenn Menschen nach einem Social-Media-Fasten merken, dass sie abends besser schlafen oder mehr Zeit für anderes haben, dann beginnt ein Reflexionsprozess. Das kann weit mehr bringen als nur die 40 Tage der Fastenzeit – es führt zur Frage, wie ich selbst mit meiner Zeit umgehen will.

Die Politik diskutiert derzeit über ein Social-Media-Verbot für Kinder. Was halten Sie davon?

Dr. Reis-Berkowicz:  Insbesondere Kinder leiden physisch und psychisch unter einer exzessiven Nutzung. Die Zielsetzung ist also richtig. Die Frage wird aber sein, ob der Staat den Zugang wirklich regulieren kann. In erster Linie sehe ich hier die Eltern in der Verantwortung, die aber auch mit gutem Beispiel voran gehen müssen. Es geht um unsere Freiheit von der digitalen Dauerberieselung.