Schritte, Schlaf, Herzfrequenz, Stress, Gewicht, Körperfett, Muskelmasse und Ernährung lassen sich jederzeit messen und auswerten. Stellt sich die Frage: Macht das ständige Erfassen von Daten tatsächlich gesünder? Oder gilt auch hier der schöne Satz: Wer viel misst, misst viel Mist?
Hausarzt und Allgemeinmediziner Professor Dr. Jörg Schelling sieht in den digitalen Messmöglichkeiten zunächst einmal grundsätzlich große Vorteile. Gut sei zum Beispiel, dass medizinische Werte, die früher fast ausschließlich in Arztpraxen erhoben werden konnten, heute für viele Menschen zugänglich sind. „Das stärkt die Selbstbestimmung in einem sehr persönlichen Bereich, nämlich der Gesunderhaltung des eigenen Körpers und kann in manchen Fällen die bessere Methode sein“, sagt er.
Als Beispiel nennt Prof. Dr. Schelling die Blutdruckmessung. „Hier kann Selbstmessung zu Hause sogar besonders sinnvoll sein. Denn die in der Praxis gemessenen Werte sind häufig durch Aufregung, Bewegung oder den sogenannten Weißkittel-Effekt erhöht. Mehrere Messungen daheim in Ruhe geben oft ein realistischeres Bild als ein einzelner Wert in der Arztpraxis“, erklärt er.
Auch können die digitalen Möglichkeiten Menschen dabei unterstützen, ihre Gesundheit bewusster wahrzunehmen. „Das kann die Gesundheitskompetenz steigern, womit auch die Prävention, also die Vermeidung von Krankheiten durch ungesunden Lebensstil, für viele wichtiger wird“, nennt er einen weiteren Pluspunkt.
Ob ich gut geschlafen habe, weiß ich auch ohne App. Doch können die Geräte Veränderungen anzeigen, die man selbst nicht bemerken würde. Z.B. kann eine Smartwatch zeigen, ob nachts unbemerkt der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt oder Atemaussetzer auftreten. Messungen können also erste Hinweise liefern. Eine Abklärung in der hausärztlichen Praxis ersetzen sie nicht.
Denn nicht immer stimmt das Messergebnis. „In meiner Praxis erlebe ich es schon oft, dass Menschen kommen und sich Sorgen machen, weil sie sich eigentlich gut fühlen, aber ein Gerät ihnen sagt: Du bist möglicherweise krank“, berichtet Prof. Dr. Schelling. Gerade bei Messung von Herzfrequenz und Herzrhythmus reagierten manche Systeme sehr empfindlich und meldeten Auffälligkeiten, obwohl medizinisch keine Erkrankung vorliege.
„Man muss sich also immer klar darüber sein, dass Messwerte nicht automatisch objektive Wahrheiten sind“, so Prof. Schelling. „Man muss aufpassen, dass man nicht das Gefühl für seinen Körper verliert und die eigene Körperwahrnehmung verliert.“ Sein Rat: Im Zweifelsfall sollte man vertrauensvoll zur Hausärztin oder zum Hausarzt gehen und nachschauen lassen.
Gerade im Hausarztprogramm HZV profitieren teilnehmende Patientinnen und Patienten von einer kontinuierlichen Betreuung durch eine feste hausärztliche Anlaufstelle. Über die Zeit wächst eine besondere Arzt-Patientenbeziehung, in der die Hausärztin oder der Hausarzt die persönliche Krankengeschichte, Beschwerden und die individuelle Lebenssituation gut kennt. Das schafft Vertrauen und ermöglicht eine ganzheitliche Einschätzung – was sehr hilfreich ist, wenn Messwerte Fragen aufwerfen. „Es gibt ja oft auch Faktoren, die man eben nicht messen kann, die mit hineinspielen.“ Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt kann gut einschätzen, ob sich jemand zu Recht Sorgen macht, unnötige Untersuchungen vermeiden und entsprechend handeln.
Problematisch ist der Einsatz der digitalen Geräte auch, wenn die Selbstvermessung immer mehr Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht. Wer ständig Fitness-, Schlaf- und Ernährungsdaten im Auge hat, kann in einen Kontrollzwang verfallen. „Wenn das Ganze überhandnimmt, dann gibt es bei dem einen oder anderen Grenzen, wo durchaus auch die Gesundheit bedroht ist“, erklärt der Experte.
Ein zweischneidiges Schwert ist auch der Wettbewerbsfaktor, der durch soziale Medien und Fitness-Apps hinzukommt, wo die Teilnehmer sich ständig miteinander vergleichen: Sie können ihr Gewicht gegenseitig vergleichen und tracken, ihre Fitnessleistungen teilen und tracken. Dadurch entsteht eine Motivation, es besser zu machen und mitzumachen. Das ist die positive Seite. Die Kehrseite der Medaille ist der Leistungsdruck durch den ständigen Vergleich. „Der Wunsch nach Verbesserung kann in Zwang und Angst umschlagen“, sagt der Hausarzt.
Auch der Datenschutz ist ein kritischer Aspekt. Gesundheits-Apps sammeln intime Informationen über Schlaf, Bewegung, Alkohol, Ernährung und Alltag. Nutzerinnen und Nutzer von Apps sollten prüfen, ob diese Daten anonymisiert, gespeichert oder an Dritte weitergegeben werden.